Mittwoch, 16. Dezember 2015

Treffen mit der Arbeitsgemeinschaft für Bildung der SPD

Heute war das Treffen mit der SPD Arbeitsgemeinschaft Bildung.

Wir waren locker in einem Restaurant und es waren 7 Menschen da. Ich war als Referent geladen und da es ein offenes Treffen war, war auch jemand von Aktion Schulen im Aufbruch da.

Zuerst kam eine Vorstellungsrunde in der ich die Schulfrei Bewegung vorstellte, neben den regionalen Gruppen, die Kontakte bieten, auch die Gruppe in der konkrete Handreichung und Rechtsbeistand für Schulverweigerung gestellt wird. Die Vorsitzende erzählte, dass es ein paar harsche Absagen zu dem Thema gegeben hat - was ich mir sehr gut vorstellen kann. Ich war verwundert, dass die SPD überhaupt so offen war. Immerhin stand es sogar auf ihrer Homepage.

In der Einladung waren schon Youtube-Links zu Andre Stern, Moritz Neubronner und einer Studie drin, so waren die Mehrzahl der Teilnehmer nicht ganz neu zu dem Thema.

Danach kam das Gespräch darauf zu sprechen, dass es in Deutschland mittlerweile eine recht große Szene gab, die aber ohne jegliche staatliche Aufsicht und unter jedem Radar operiert - und hier der Staat, so lange er auf ein reine Schulanwesenheit bestehe - sein Wächteramt vernachlässigt. Da er durch die Gesetzgebung viele Menschen dazu bringt sich zu verstecken und zu isolieren.
Ich machte weiterhin darauf aufmerksam, dass genau das Gegenteil für die Kinder und auch die Eltern erreicht werde - nämlich das Gesetz bewirke soziale Isolation, ein zurückziehen von der Gesellschaft und ein Abwenden vom Staat, dem man diese herrliche Erfahrung verdankt.

Hier gab ich zu bedenken, dass Moritz Neubronner, der ja viel mitmachen musste, in einem Interview über seine Zukunft sagte, dass er sich überlege Politologie zu studieren um etwas zu ändern. Also scheint hier eine sehr resiliente Einstellung durch Homeschooling erzeugt worden zu sein - er geht nicht in die Opferrolle und sieht den Staat als Täter, sondern sieht den Staat als etwas zu veränderndes und sich als einen Akteur, der hier Wirkung erzielen kann.

Auf das Thema Resilienz kamen wir natürlich auch. Das Leben ist ja kein Wunschkonzert und es hört sich sehr nach: Man darf machen was man will und lassen was einem schwer erscheint.
Ich klärte darüber auf, dass
1.) die Welt auch ohne Schule nicht immer ein Wunschkonzert ist - und wenn sie es wäre, dann wäre das Argument hinfällig.
2.) um einen Abschluss zu bekommen muss man in Deutschland als externer Prüfling sogar höhere Anforderungen erfüllen als als normaler Schüler

Und Drittens gäbe es mittlerweile sehr viel Resilienzforschung. Und da Resilienz lernbar ist und zwar in einem ungeheuren Ausmaß ständen mittlerweile auch Übungen zur Verfügung, diese zu trainieren. Wenn man sich aber diese Übungen anschaut, dann sehen die sehr wenig der Schule ähnlich. So ist z.B. eine Übung sich mehrere Verlierer und mehrere Gewinner vorzustellen und dann darüber nachzudenken, was haben die Gewinner gemacht um Gewinner zu werden. Über wie viele Steine musste sie springen, durch wie viele Feuer gehen und wie oft wurden sie zu Boden geworfen, wie hart mussten sie an sich arbeiten? Und nun soll man sich die Verlierer vorstellen, und sich fragen: Was müssen diese Menschen machen, damit sie stark werden? An welchen ihrer Fähigkeiten müssen sie trainieren, welchen Aufgaben müssen sie sich stellen um ihre Träume und Ziele zu erreichen?
Die Übung zielt darauf ab, dass niemand ein Verlierer ist und auch kein Gewinner vom Himmel gefallen ist. Man steht jeden Tag neu auf und entscheidet aufs Neue, wer man wird. Im Gegensatz zum Schulalltag, wo (laut Studien) in den ersten 3 Wochen jedem seine die Schublade geöffnet wird und dann bis zur 11. Klasse stabil bleibt. Hier ist man wer man ist und das bleibt starr und die einmal gebauten Vorurteile wieder zu überwinden ist schwer bis unmöglich.
Die Schule ist - wenn man sich die Resilienzforschung anschaut - einer der schlechtesten Orte um ein starker Mensch zu werden.

Ist es nicht eine Flucht aus dem Schulsystem. Auch hier antwortete ich, dass es verschiedene Motivationen für Eltern gäbe. Es ist keine Flucht, es ist eine Wahl. Es ist eine weitere Option, so wie eine Montessori oder eine Waldorf Schule. Flüchten die? Oder finden sie einfach etwas anderes besser und mit welchem Recht verbietet man es nun?

Der nächste Punkt war dann Unterordnung - unter den Chef, unter den Wecker.
Hier konnte ich mir nicht verkneifen anzumerken, dass wenn Schule der einzige gute Platz ist um zu lernen, wie man sich unterordnet - und der Rest der Welt nicht-  dann würde ich es mir zweimal überlegen, ob ich diese Lektion im Dücken so unbedingt haben möchte.
Aber wieder gilt, dass Homeschooler im Arbeitsleben erfolgreich sind und auch ihren Schulabschluss gut schaffen. Und hier müssen sie sich definitiv Anweisungen unterordnen.
Zum Wecker: natürlich stehen Homeschooler nicht jeden Tag um 7.30 Uhr auf, sondern schlafen eher aus. Wobei Ausschlafen ja auch nicht das Schlechteste ist für die Entwicklung. Dennoch, wenn sie einen Kurs haben, der um 9 Uhr beginnt oder um 8, dann stellen sie sich den Wecker und stehen dann auf - und zwar nicht weil man mich zwingt, sondern weil ich in diesen Kurs will.

Hier hob ich den Unterschied zwischen externer und interner Disziplin hervor. Während Schule zum großen Teil versucht externe Disziplin zu erzielen, ist beim Homeschooling interne Disziplin ein wichtiger Faktor. Hier geht es um die Erreichung von eigenen Zielen.

Bei all dem wies ich aber immer darauf hin, dass es eine breite Palette an Homeschoolern gibt. Es gibt die, die Schule zu Hause machen: mit Noten, Lehrplan, Pulte und Tafel bis hin zu denen, die ihre Kinder bei ihren Interessen unterstützen. Es gibt nicht: DEN typischen Homeschooler und alle machen das so wie er. Es ist vielmehr so, dass es keine zwei Familien gibt, die es gleich machen. Und sogar von Kind zu Kind gibt es Unterschiede im Homeschooling innerhalb einer Familie.
Ich wies auch darauf hin, dass ein Lehrer circa 8000 Stunden mit einem Kind verbringt - während dessen gesamter Schulkarriere. Während ein Elternteil innerhalb der ersten 3 Jahre schon 8000 Stunden mit dem Kind verbringt - und somit ist ganz klar, der Elternteil der Mensch, der die Bedürfnisse des Kindes am Besten kennt und am ehesten darauf eingehen kann.

Natürlich kam es auch auf Sozialisation zu sprechen. Hier konnte ich (teils aus eigener Erfahrung) erklären, dass ein Kind das nur ca. eine Stunde am Tag mit Lernen verbringen muss natürlich viel mehr Zeit hat um andere Menschen kennen zu lernen, als ein Schulkind. Ein Schulkind hat die ca. 30 Kinder aus seiner Klasse - davon vielleicht 5 die interessant sind, da sie ähnliche Interessen haben. Und dann noch vielleicht Zeit für ein oder zwei Kurse. Während ein schulfreies Kind Zeit für viele Kurse hat. So hat Chopper mittlerweile 9 Kurse pro Woche. Jeder Kurs bietet Kinder, die ähnliche Interessen haben - nämlich diesen Kurs. Das führt zu viel mehr potentiellen Freunden als bei einem Schulkind. Zusätzlich gibt es auch einen Kurs in dem nur erwachsene Männer sind (der Schachkurs) und dies bietet noch einmal eine ganz andere Sozialisationserfahrung - die auch sehr wertvoll ist.

Es entstand noch der Eindruck, dass Homeschooling nur etwas für kreative Berufe ist. Also sehr elitär. Es werden nur hochausgebildete Berufe angestrebt - der normale Call-Center-Mitarbeiter scheint aus der Schule rekrutiert werden zu müssen. Auch hier wies ich 1.) wieder darauf hin, dass Homeschooling nicht homogen ist. Es gibt auch hier wie beim normalen Schulsystem, das standard System und dann noch die kreativen reformpädagogischen Strömungen.
Und 2.) ist auch nicht jeder Mensch / Schüler für einen kreativen Beruf geschaffen, es gibt manche Kinder, denen liegen Zahlen mehr als Romane schreiben und andere die sprechen gerne mit Menschen während andere mit Büchern liebäugeln. Menschen sind verschieden - und so werden es auch die Berufe sein, die sie später ergreifen.
Es gibt eine einzige mir bekannte Gesetzmäßigkeit, nämlich, dass Homeschooler in den Finanzberufen sehr stark unterrepräsentiert sind.

Zusätzlich entstand noch der Eindruck, dass Erfolg ja klar ist, wenn beide Elternteile bildungsaffin sind und das Kind von Büchern umgeben ist. Hier konnte ich auch entgegenhalten, dass 1.) der Unterschied in den Leistungen laut Statistiken nicht groß ist. Nämlich bei Doppel-Akademiker-Eltern (also beide Akademiker) die Leistungen des Kindes in Vergleichstests im 88 Perzentil Bereich sind -während sie bei Nicht-Akademiker-Eltern im 81 Perzentil sind. Also Homeschooling ist hier das ultimative Mittel um Chancengleichheit im Bildungsbereich herzustellen.
Und 2.) aktuell Schwarze aus der Unterschicht in den USA Homeschooling für sich entdecken. Da die Schulen ihre Kinder aktuell nur aussortieren - während sie mit Homeschooling eine echte Chance haben. Einzig zählt das Interesse am eigenen Kind - und das ist bei den meisten Eltern sehr stark.

Zusätzlich kam natürlich das Gespräch auf die Herkunft und den Sinn der Schulpflicht für den Staat. Hier wies ich (und ein anderer aus der Runde) darauf hin, dass Homeschooling noch in der Weimarer Republik ging. Aber dann 1938 radikal verboten wurde. Die Ursprünge der Schulpflicht sind zwar bei Königen und Kaisern zu finden, sie entstammen aber allesamt dem preußischen Militarismus zum Zweck tüchtige Rekruten zu haben. Auch die Idee mit der Verhinderung von Kinderarbeit kam zum Ausdruck. Jedoch auch dieses stimmt größtenteils nicht. Die Maschinen wurden nur zu komplex um noch von Kindern zu bedient werden, zusätzlich gab es auch sehr hohe Todesfallraten und einen wachsenden politischen Widerstand gegen die schlechten Auswirkungen der Kinderarbeit (der Protest wurde allerdings in Deutschland blutig niedergeschlagen und hatte nur in England Erfolge). Natürlich konnte man aber mit der wachsenden Komplexität von Maschinen auf die Kinder verzichten - aber auf die Eltern nicht und so mussten die Kinder anders beschäftigt werden - am besten vorbereitet auf den späteren Dienst an der Maschine.

Ebenfalls wies ich darauf hin, dass durch das Festhalten am "Nur-In-Der-Schule"-Leitsatz schnelle und einfache Möglichkeiten ausfallen und unmöglich werden. So hat man in England einen Schul-Bus, der mit allem ausgestattet ist, was man zum Lernen braucht (Sprach-Kurse bis Chemie-Labor) versucht. Dieser kann nun in der aktuellen Flüchtlingskrise von Flüchtlingsheim zu Flüchtlingsheim fahren - die Lehrer springen heraus und bauen die Wissens-Stände auf, bei denen jeder dann einfach lernen kann.

Alles in allem war das Gespräch sehr gut und man fragte sich, was man da jetzt für einen Antrag schreiben könnte um das zu unterstützen. Aber in der SPD ist es natürlich ein langer Weg, da ja an einem Dogma gerüttelt werden. Während manche dafür waren die Schulpflicht sofort zu lockern oder die Bildungspflicht nach dem französischen Modell einzuführen oder dem österreichischen war anderen klar, dass es ein langer Weg sein würde - in Deutschland und in den Parteien.

Hier wies ich auch wieder auf die Stern Umfrage und auf meine Erfahrung auf den Straßen hin, dass mittlerweile außerschulische Bildungskonzepte eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung finden (in der Umfrage im Stern sogar 76 % ) während die Politik durch ein aggressives "Wegschauen" sich hier sehr weit von den Bürgern entferne.

Ich erklärte auch noch meine Arbeit in der Begleitung und Vermittlung zwischen Jugendamt und Fällen mit Homeschooling.

Am Ende bekam ich noch einen Rot-Wein als Geschenk - worauf ich antwortete, dass ich Amisch sei und nicht trinke. Nach einer Schrecksekunde löste ich auf und erklärte, dass das nur ein Spaß war. Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen mit möglichen Vorurteilen zu spielen, die ja tief in uns allen sind :)
Ich musste aber wirklich die Offenheit des Treffens loben, denn als ich das erste Mal von Homeschooling hörte, da hatte ich vor meinem inneren Auge Kinder, die von ihren Eltern in die Besenkammer gesperrt wurden. Mittlerweile sind 8 Jahre vergangen und ich weiß, was es für eine tolle Möglichkeit ist und wie viel Freiheit ein schulfreies Leben bietet.

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