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Sonntag, 26. April 2015

Bildung für eine neue Epoche

Der Titel klingt ja schon sehr reißerisch... oder eher langweilig? Mein voriger Entwurf hieß: Eine Theorie der Bildung mit geschichtlichem Abriss... aber ich dachte, da liest jeder nur bis zu dem Wort "Theorie" und dann ist's aus :)

Egal. Gestern nach dem Abendessen kam das Gespräch auf Bildung und wir haben darüber diskutiert. Am Ende habe ich die Kinder gefragt, ob sie meine komplette Theorie hören wollen und während Sanji lieber Computerspielen gehen wollte, blieben Nami und Chopper und wollten es wirklich wissen.

Also, da sie es jetzt wissen, will ich es hier auch nicht länger vorenthalten.
Ich denke, es fing damit an, dass man hauptsächlich das gelernt hat, was der Vater / Mutter konnte. Also Schmied -> Schmied, Bäcker -> Bäcker usw. Dann gab es noch die Lehre, wo man gegen Jahre der Fronarbeit in fremden Gebieten von einem fremden Meister unterrichtet wurde.
Und dann gab es noch die bezahlte Lehre - also reiche Eltern stellten Tutoren und Lehrmeister an.

Dann kam so allerlei, was ich hier überspringe und *schwupp* sind wir im Industriezeitalter. Und hier lief es so: Wir lernen alles (wie die sog. Enzyklopädisten es forderten) und das wurde vom Staat zusammengestellt.
Aber Hauptziel war die funktionierende Integration in einen handhabbaren Staatsapparat und in eine effiziente Industrie. Dazu waren natürlich: Lesen, Schreiben, Rechnen, Heimat und Sachkunde, und Grundbegriffe der industriellen Fertigung (heute MINT-Fächer) nötig.

Und damit hatte man perfekte Bürger/Arbeiter geschaffen - und konnte die schwierigen Herausforderungen der damaligen Zeit meistern:
z.B.
-Wie kolonialisiert man Kontinente
-Wie führt man einen Krieg unter Nationen
-Wie etabliert man flächendeckende Steuern und Gesetzgebung
-Wie versorgt man das eigene Land schnell mit Neuerungen
usw.

Doch jetzt haben wir ein neues Zeitalter: Postindustrialismus - die Produktionsfaktoren, die früher nur durch großen Kapitalaufwand erschwinglich und betreibbar waren sind nun verfügbar für alle. Zu relativ geringen Kosten.

Und in diesem Zeitalter müssen wir uns nicht mehr auf eine Stellung innerhalb der Fabriken vorbereiten, sondern können uns mehrere Skills aneignen und die dazugehörigen Produktionsmittel und dann: unsere eigene "Fabrik" werden.

Wir können sogar mehrere Fabriken werden ... so wie Marx es einst forderte: 
möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden ("Die deutsche Ideologie")
Das bedeutet unsere Möglichkeiten Dinge zu machen sind nun nur noch durch unseren Fleiß und unsere Intelligenz und unsere Vorstellungskraft begrenzt. Nicht mehr - so wie früher, zu Zeiten der Industrialisierung und Kapitalismus (also Marx das alles so schrieb) - durch die Verfügbarkeit der Produktionsmittel.

Also - summa summarum - lernt nichts mehr, was euch nicht unmittelbar in die Lage versetzt zu produzieren. Selbst Schöpfer zu sein. Selbst Nießnutzer oder Vertreibender eurer eigenen Waren.
Die Ketten, die "das Proletariat" einst an die Produktionsmittel und ihre Besitzer banden - und sie zu *abhängigen Beschäftigten* machten - sind gesprengt. Also muss unsere Bildung uns auch nicht mehr zu *abhängigen Beschäftigten* abrichten.

Genießen wir die neue Freiheit.

Sonntag, 22. Februar 2015

Unschooling - Homeschooling - Freilernen - Radical Unschooling - Hackschooling - Worldschooling - XYZSchooling

Wenn man neu beim Schulfreien Lernen ankommt, dann wird man nach einer kurzen Pause (in der man erst mal sacken lassen muss, dass Schule doch nicht die beste Idee ist, sondern vielleicht sogar eher eine sehr Schlechte) von vielen neuen Begriffen überwältigt.
Nein! Erschlagen!
Man fühlt sich sehr orientierungslos, da alles was man bisher für richtig hielt (Schule gut, Mehr Schule besser) auf einmal falsch ist (Schule schlecht, mehr Schule Katastrophe).

Zeugnisse - bäh. Bestrafen - bäh. Motivieren - bäh. Belohnen - bäh. In gutes und schlechtes Wissen unterteilen - bäh. Allgemeinwissen - bäh. Noten - bäh. Stundenplan - bäh. Hausaufgaben - bäh. Früh aufstehen - bäh (naja, da hatte manch einer schon so ein Vorgefühl :) ). Melden - bäh. Erwachsene sind die Bestimmer - bäh. Einen Job mit so viel Prestige wie möglich und so viel Geld verdienen wie möglich - halbbäh. Diszipliniert werden - bäh.
Und die Liste lässt sich noch endlos weiterführen.

Man fragt sich dann: Was stimmt jetzt eigentlich noch? Und was nicht? Wer bin ich? Was hätte alles aus mir werden können, wenn ich mich einfach hätte entwickeln können? Wenn mich die Schule nicht verbogen hätte? Wie eine Aluminiumfolie, die um irgendeine Arbeit rumgewickelt wird, die in unserer Gesellschaft gerade verrichtet werden soll?

Man versteht auf einmal den kompletten Text des Liedes "Logical Song" von Supertramp und schließt mit der Frage: "Won't you please, please tell me who I am!".

Es ist eigentlich wie bei dem Eintritt in einer Sekte (habe ich mal irgendwo gelesen). Zumal die Reaktion des Umfeldes auch ähnlich ist: "Was Homeschooler? Aber, aber... bist Du jenseits von Gut und Böse???" (ratlose Gesichter). Man hat auch nicht wirklich Leute, mit denen man sprechen kann und seine Erfahrungen austauschen kann: "Also mein Kind hat jetzt 620 Kapitel One Piece gelesen und sich 5 Piratenschwerter gebaut... muss ich mir Sorgen machen???"

Um nun einen ersten Halt für alle, die gerade in diesem Dschungel angekommen sind zu geben. Ihnen sozusagen eine kleine Machete und einen Kompass in die Hand zu drücken will ich nun die wichtigsten Begriffe *korrekt* erklären. Egal was irgendjemand anders behauptet, die nun folgende Erklärung ist vom internationalen Zentralrat des Non-Schooling in Den Haag abgesegnet worden und wird nun mit der Welt geteilt:

1.) Home-Schooling: Du hast Dich also entschlossen Deine Kinder nicht zur Schule zu schicken. Wahrscheinlich ist das ein großer Schritt und viele fangen nun an, die Schule zu Hause nachzubauen. Schulbücher, Schreibtische, vielleicht sogar eine kleine Glocke, eine kleine Tafel, Kreide und manche geben ihren Kindern sogar Noten. Willkommen in der Welt des Home-Schooling. Du versuchst nun wahrscheinlich Deinen Kindern den normalen Lehrplan besser beizubringen und kannst mehr auf ihre Fragen eingehen. Die gute Nachricht: Deine Kinder werden laut Forschung durch den besseren Schlüssel alleine schon einen Vorteil haben gegenüber einem Schulsetting.

2.) a) Unschooling: Manche Sachen in der Schule erschienen Dir fragwürdig... nunja... schwachsinnig. Total hirnverbrannte Erfindungen von kranken Köpfen, die nur dazu da waren Dich und Deine Mitschüler zu quälen - z.B. Mathe. Du willst natürlich diese Sachen nicht an Deine Kinder 1:1 weitergeben. Also lässt Du sie weg. Du lässt *schulische* Dinge weg: Un-Schooling. Das kann das Zeugnis sein, das können die Noten sein, das kann die komische Evolution sein, oder Du findest Evolution extra-klasse und wünschtest Du hättest sie damals richtig erklärt bekommen (denn laut einer Aussage verstehen die wenigsten Lehrer Evolution, sondern sind eher Lamarckisten).
Wo auch immer Du von der Schule abweichst: Unschoolst Du.

/Legacy of John Holt - ca. Minute 5 + ca. Minute 47


2.) b) Der Begriff Unschooling bezeichnet am gebräuchlichsten eine Form des Home-Schooling, bei der zumindest kein Lehrplan, keine Noten und keine Tests stattfinden. Es ist ein Interessen-getriebenes LOD (Learning On Demand).
Ein paar gute Bücher:
Aus schlauen Kindern werden Schüler. Von dem, was in der Schule verlernt wird - John Holt
Wie Kinder lernen - John Holt
Free to Learn - Pam Laricchia

3.) a) Deschooling: Wie kamst Du eigentlich darauf, dass dies oder das in der Schule doof ist? Vielleicht hast Du jeden Tag Angst gehabt in Mathe zu sitzen und hast Dich stundenlang mit den Hausaufgaben gequält .... im echten Leben hast Du dann nie wieder Mathe gebraucht und fragst Dich seitdem warum Du das durchmachen musstest? Vielleicht wurdest Du auch in Deiner Klasse gemobbt und hattest eine Zeit lang nach der Schule sogar noch Angst vor Menschen ... im echten Leben hast Du gemerkt, dass die meisten Menschen nett sind. Kein Mensch versucht Dich den ganzen Tag als den letzten Dreck hinzustellen, und wenn es doch solche Bullies mit gestörtem Verhältnis zur Gewalt irgendwo gibt, dann kann man ganz einfach den Raum wechseln. Aber wieder stellt sich die Frage, warum man jahrelang mit diesen Menschen eingesperrt war - als Kind, als man sich am wenigsten wehren konnte.
Diesen Prozess des Infrage-Stellens nennt man Deschooling. Man hinterfragt seine Erfahrungen, die man in der Schule gemacht hat und die damals als gottgegeben dargestellt wurden. Dies kann schmerzhaft sein. Da man vergewaltigt wurde, ohne es zu wissen und im festen Glauben dazu erzogen wurde, dass dies gut und wichtig für die Entwicklung sei.
Deschooling Society - Ivan Illich

3.) b) Deschooling: Deschooling nennt man auch den Prozeß des Befreiens bei Kindern, die in der Schule waren oder ein ähnlich kompetitives, gezwunges Lernsetting hatten. Oft werden Kinder die starke Schulprobleme hatte und deren Eltern dann eine "kognitive Wende" (eine sehr schnelle und rasche Transition vom Schooling zu Unschooling machen) machten so beschrieben, dass sie sich komplett gehen lassen. Nichts mehr machen wollen außer Junk-Food und Fernsehen. Und man soll dies zulassen. Nach einiger Zeit (im Raum stehen oft 2 Wochen bis 2 Monate pro angefangenem Schuljahr) kehren die Kinder dann zu den natürlichen Bedürfnissen und menschlichen Verhaltensweisen zurück. Also Selbst-Effektivität, Intrinsische Motivation, natürliche Neugier, etc.
Da das nach 6 Jahren Schule schon 1 ganzes Jahr sich selbst gehen lassen sein kann, bin ich kein Freund von diesem Ansatz. Ich bin eher Vertreter einer langsamen Transition von fremdbestimmt in selbstbestimmt. Jemand der dann selbstbestimmt ist wird dann selbst entscheiden können, ob er jetzt wirklich ein Jahr Fernsehen will und Junk-Food haben will.

4.) Radical Unschooling: Nehmen wir an, Du hast nun *ALLES* hinterfragt. Und hast gesagt: Ja, ich finde alles wirklich bäh, was da in der Schule veranstaltet wurde. Jetzt hast Du in einem jahrelangen Prozess alles über Bord geworfen und fühlst Dich komplett Gewalt- und Wertungsfrei, keine Zeugnisse, keine Stundenpläne. Spielen an der Wii und der Playstation zählt genauso als Lernerfahrung wie das Studieren von Nuklearphysik und das Entwickeln mathematischer Modelle zur Krebsbekämpfung. Anschauen von Twilight und The Walking Death zählt genauso viel wie in einem Flashmob gegen Tierversuche mitzumachen.
Das ist sozusagen der Zen-Himmel der Erziehung. Da Du nicht mehr wertest kann nichts zwischen Dir und der Beziehung zu Deinen Kindern stehen. Du erwartest nicht mehr, dass sie etwas "sinnvolles" (in Deinen Augen) machen, da sie ja ihren Sinn erst selber finden müssen. Das bedeutet sich "The Walking Death" anzusehen, kann auch zu irgendwas führen - Du weißt es nur nicht, weil es ihr Leben und ihre Bildung und ihre Ziele und ihre Träume und ihre Welt ist. Du akzeptierst aber Deine Kinder als gleichberechtigte Menschen, die ihren Weg finden.
Wenn Du irgendwann denkst Du bist ein "Radical Unschooler" dann warte ab: Es gibt immer noch einen der so dermaßen mehr "radical" ist, dass Du dagegen wie ein konservativer Spießer aussiehst, der den ganzen Tag nichts macht außer Erbsen zu zählen.
Radical Unschooling - oder sogar der "radicalste" zu sein - ist kein Wettkampf. Es ist auch nicht die Königsdisziplin! Es ist einfach eine Wahl, die jemand für sich trifft oder nicht. Es ist ein Weg, den man geht oder nicht.
Auch wenn man in manche Mailing-Listen stolpern kann (z.B. die von Dayna Martin - der Frau, die den Begriff "radical unschooling" stark geprägt hat) in denen alles andere als "falsch" oder "nicht-unschooling"-mäßig proklamiert wird, so hilft es doch "Unschooling" nicht als Religion mit nur einem Gott zu verstehen.
Und egal, wie viele Dinge Du von der Schule loslässt - Du gehst einen Weg. Das ist schon etwas! Schon allein den Kindern die Wahl zu geben, ob sie in die Schule wollen oder nicht ist ein immens großer Schritt für den Dich die prüfenden Blicke unserer Gesellschaft schon genug strafen werden.
Gehe nur die Schritte mit denen Du Dich gut fühlst, die Dir einfach fallen. Es geht nicht darum ein perfekter Radical Unschooler zu sein - es geht darum die eigenen Ziele der Menschen in Deiner Familie zu finden und zu leben.

5.) Freilernen
Ist der deutsche Über-Begriff von fast allen dieser Dinge. Er ist noch recht diffus und ich habe auch schon Eltern von Kindern an "freien Schulen" sich als Freilerner bezeichnen hören. Oft wird da der Fokus auf die intrinsische Motivation und den inneren Lehrplan der Kinder gelegt.
Man geht hier also davon aus, dass Menschen in sich bestimmte Interessen tragen, die auf ihre Entfaltung warten (hier mischt es sich also mit Unschooling). Man geht davon aus, dass diese Entfaltung in freudvoller und mit praktisch unaufhaltsamer Energie vonstatten geht.
Ein gutes Buch hierüber ist: Olivier Keller - denn mein Leben ist Lernen
Als Beispiel gilt hier Andre Stern, der irgendwann angefangen hat den ganzen Tag die Sprache Deutsch zu lernen und das bis zu 8 Stunden - oder sich Gitarrenbau aneignete, sich dann einen Meister suchte und den überredete ihn auszubilden. Respekt.

6.) Hackschooling
In einem berühmten Ted-Talk (das ist eine Serie von Vorträgen in denen Menschen Gehör finden, die irgendwas Interessantes gemacht, entdeckt, etc. haben) gibt Logan LaPlante (Home- und Unschooler) uns zu verstehen, dass man seine Bildung hacken soll. Dass man wirklich verstehen wollen soll (hacking), in welche Richtung man sich bilden will und sich dann die besten und lebensnahesten Ressourcen beschaffen soll. Das geht von Praktika in den Gebieten, aber auch Gehirnforschung, wie das Lernen an sich funktioniert. Er wirbt für eine Bildung, deren Grenzen nur noch die eigene Vorstellungskraft sind. Er definiert hier seinen eigenen Weg, seine eigene Form von "Unschooling" und gibt ihr einen Namen: Hackschooling.
Von Unschooling, Radical Unschooling, Worldschooling, Homeschooling, normales Schuling, etc. holt er sich dann nur noch Impulse. Sie gelten als seine Ideengeber - nicht als seine Dogmen. Das ist ein elementarer Bestandteil seine Bildung zu befreien.

7.) Worldschooling
Das sind Home-/Unschooler, die ihren Fokus auf Reisen haben. Sie sagen nicht den guten mittelalterlichen Spruch: My home is my castle - sondern sie sagen: Home is, where my family is.
Sie sehen die Welt, die normale Schüler aus Büchern und Ferien kennen. Oft verlassen Eltern den regulären "Wir-Büro, Du-Schule"-Weg und scheren aus in diese komplett neue Art des Lebens. Sie ähnelt etwas der Bildung des Adels und der Herrscher in Renaissance und Aufklärung. Durch Internet, Couch-Surfing, Worldschooling-Communities und umgebaute Wohnbusse ist dieses Leben heutzutage sehr viel leichter für sehr viel mehr Menschen möglich. Und man genießt die Zeit mit seinen Kindern wahrscheinlich zu einem Ausmaß, das weit hinter unseren Vorstellungen liegt. Und es wird auf jeden Fall zu der einen Entscheidung gehören, die man nicht auf seinem Sterbebett bereut.

8.) XZYSchooling
Nach diesem kurzen Abriß möchte ich (und der Zentralrat des Non-Schooling) nun empfehlen, dass jeder seinen Weg findet.
Und möchte mit Sandra Dodds schönem Satz schließen: "Lies ein bisschen, probier ein bisschen etwas neues aus, warte ein bisschen und beobachte" (Read a little, try a little, wait a little and watch).
Es ist eine wunderbare neue Welt - setz Dich nicht unter Druck. Du brauchst auch niemanden zu überzeugen (besorgte Großeltern). Die radikalste Kritik an einem bestehenden System ist es etwas anderes zu machen - und das machst Du. :)

PS: Es gibt keinen Zentralrat des Non-Schooling in Den Haag - noch an einem anderen Platz der Welt. Es gibt keinen Non-Schooling Kultusminister und auch sonst keine Autorität. Finde Deinen Weg und sieh alle anderen nur als gleichwertige Berater, deren Meinung so viel zählt wie Dein Gefühl oder Deine Meinung - oder die Meinung Deiner Mutter.

Ich hoffe der Artikel hilft Neuankömmlingen :)

Dienstag, 17. Februar 2015

Der Versuch ein wissenschaftliches Fundament für Bildung zu finden in einer Welt in der es bis jetzt nur Schule gibt

(Vorweg: Natürlich gab es nicht nur Schule in unserer Welt, aber alle Industrienationen - die unsere heutige Welt bedeuten - haben das Konzept Schule einstimmig übernommen - das aktuelle Modell seit ca. 200 Jahren)

Als ich mich vor ein paar Jahren aufmachte um herauszufinden welche Bildung, welche Schule die Beste ist hätte ich nie gedacht, dass ich außerhalb der Schule landen würde.
Zuerst kam ich auf ein Modell, das ähnlich den Rennaissance-Werkstätten funktionierte. Intrinsische Motivation nach Deci-Ryan, etc.

Dann kam der Gedanke (von außen, wie alle Gedanken - ich schien unfähig eigene Gedanken zu produzieren und habe diese Unfähigkeit auch immer noch nicht überwunden) es müsste doch gar nicht in der Schule geschehen, sondern man könnte auch *außerhalb* dieser unwegdenkbaren Wände denken.

Seitdem versuche ich möglichst viel Zweitquellen (Studien, Berichte, ...) , Erstquellen (Lebensläufe, Youtube-Kanäle, etc.) und Auswertungen (Regierungsdaten, etc.) zu bekommen.

Die Schwierigkeit an einem wissenschaftlichen Vorgehen innerhalb des Bildungsbereichs ist: Es gibt praktisch keine relevante Kontrollgruppe. Man hat entweder Kulturen mit Schule, oder Kulturen, die zu arm sind, sich eine Schule leisten zu können (und erst mal nach vollständigem Ausbau der Schulen streben). Oder man hat Kulturen, die zu klein sind um als Kontrollgruppe dienen zu können.

Ohne Kontrollgruppe ist aber Wissenschaft nicht möglich. Witzchenschaft...? Und unser ganzes Schulsystem ist ein großer Inzest von sich gegenseitig bestätigenden Institutionen.

Z.B: Du kannst nur eine tollen Job kriegen mit Studium, studieren darfst Du nur mit Abi, Abi nur mit guten Noten. Und dann hast Du Erfolg. Wir wissen nicht, wie die Chirurgen ohne Studienabschlüsse sich machen. Wir wissen nicht mal mehr, wie die Führungsetagen sich machen ohne Doktor.

Von einer umfassenden Betrachtung welche Bildung nun Erfolg haben könnte und in welcher Richtung war weit und breit keine Spur. Und was Erfolg war - und an welchen Kriterien man ihn misst - das lag komplett im Dunklen. Die PISA Leute einigten sich hier auf Rechnen, Schreiben, Lesen. SAT-Test, Abitur waren schon breiter gefächert. Aber immer noch lies sich kein Erfolg an der Uni damit voraussagen. Und schon gar nicht Erfolg im Leben. Außer der, dass man ja an manche Jobs nicht ohne Abi kam.

Schule war also ein System, dass sich global seit 200 Jahren selbst bestätigte. Und immer wenn jemand daran zweifelte dort etwas Sinnvolles zu lernen, oder die Schule als schlecht hinstellte kam keine Forschung dazu auf. Aber es kamen immer ein paar Fallschirmjäger von der Lehrergewerkschaft um die Zweifler und Kritiker mundtot zu bekommen. Das System Schule überlebte Amokläufe in der westlichen Welt, massenweise Essstörungen, steigende Selbstmordraten. Nichts konnte den eisernen Vorhang der Unwissenheit mit dem sich die Schule umgab zerstören.

Sie war das totale Dogma - das jeder Wissenschaft in den ... Hintern biss. Bis vor ein paar Jahren! Und mittlerweile haben wir in den USA einen Prozentsatz von Schulverweigerern die erfolgreich ihre Bildung gestalten, der nicht mehr zu leugnen ist. Und der auch nicht mehr zu marginalisieren ist.

Und es gibt immer mehr Forschung über den Effekt der Schule und ihrer Massen-Einführung in unserer Gesellschaft.

Ein erster Hinweis war (damals) das Buch von Harvey J. Graff, dass in Vor-Schulpflicht-Zeiten manche industriellen Ländern Alphabetisierungsraten von 100% hatten (durch Home-Schooling). Und diese Raten nie wieder erreicht wurden.
Dann kamen weitere Autoren aus der Ecke der historischen Soziologie dazu - während die aktuelle Pädagogik damals keinen Hinweis auf den Erfolg von irgendwas außerhalb der Schule gab.

Mittlerweile ist es möglich praktisch alle Fragen zu beantworten:
Vorher gab es keine klaren Daten ob es Dyslexie gibt. Ein Phänomen, das Schüler beim Lesenlernen zeigen, gefördert von Leistungsangst, Druck, etc. In der Schule - nicht sehr überraschend - aber außerhalb? Bei Unschoolern? Keine Ahnung.

Was werden Menschen, die nur frei lernen und nur ihren Interessen folgen - in einer Welt, die versucht Deine Interessen auf möglichst kurzfristige Konsumerlebnisse zu lenken, die wie Zucker für den Geist wirken? Ist der Mensche von Grund aus dazu geneigt Sachen lernen zu wollen, effektiv zu interagieren, so wie es die Vertreter der intrinsischen Motivation behaupten? Keine Ahnung. Aber wir kriegen langsam Daten!

Ist die Schule ein Fluch oder ein Segen für arme Länder? Tausende Wohltätigkeitsorganisationen behaupten sie sein ein Segen. Aber irgendeine Forschung mit einer Alternative, eine valide Kontrollgruppe? Gab es nicht.

Wir stehen wirklich am Anfang einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Bildung. Es gibt kiloweise, nein!, tonnenweise Bücher, die sich alle nur in dem geschlossenen System Schule bewegen und somit nicht das Papier wert sind auf dem sie geschrieben stehen. Ohne Kontrollgruppe ist keine Forschung möglich.

Jetzt haben wir die Kontrollgruppe. Und die Schule findet darin ihren schlimmsten Nemesis. Die Schule muss sich dem Mörder alles Aberglauben stellen. Der Wissenschaft.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Autoren und Bücher über Unschooling



Kinder aus Nr. 67
Herr der Fliegen
Farm der Tiere

Chemie:
Jule und der Schrecken der Chemie

Physik:
Der Schlüssel zum Universum (Hawking)
Spaß und Spannung mit Physik (coole Experimente und Sachen zum selber bauen - und danach verstehen, warum es so funktioniert und so ist)

Khan Academy - aber macht es nicht für die Badges und Avatars... obwohl das auch Spaß macht :)


Unschooling Literatur (+Zitate, die ich übersetzt habe - und in meiner Übersetzung so nah wie möglich bei der englischen Satzstellung geblieben bin, manchmal auf Kosten der deutschen Grammatik):

John Taylor Gatto 



Kinder lernen was sie leben. Stecke Kinder in eine Klasse und sie werden ihr Leben in einem unsichtbaren Käfig verleben, isoliert von ihrer Chance in der Gemeinschaft; unterbrich Kinder mit Glocken und Gongs die ganze Zeit und sie werden lernen, dass nicht wichtig oder wertvoll genug ist, es auch zu Ende zu bringen; mach sie lächerlich und sie werden sich aus menschlichen Beziehungen zurückziehen; beschäme sie und sie werden hunderte Wege finden dem auszukommen. Die Gewohnheiten, die in Organisationen von großem Ausmaß gelehrt werden, sind tödlich.

Dumbing us Down:
“In meinen 30 Jahren als Lehrer habe ich ein faszinierendes Phänomen bemerkt: Schulen und Schulung sind zunehmend irrelevant für die großen Unternehmungen unseres Planeten. Niemand glaubt mehr daran, dass Wissenschaftler im Naturwissenschaftsunterricht ausgebildet werden oder Politiker im Sozialkundeunterricht oder Dichter im Englisch/Deutschunterricht. Die Wahrheit ist, dass Schulen nicht wirklich irgendwas lehren, außer Befehlen zu gehorchen. Das ist ein großes Rätsel für mich, denn tausende von menschlichen, sorgenden Leuten arbeiten in den Schulen als Lehrer, Helfer und Direktoren, aber die einfachere Logik der Institution überwältigt ihre persönlichen Beiträge. Obwohl Lehrer sich bemühen und sehr, sehr hart arbeiten; die Institution ist einfach psychopathisch -- sie hat kein Gewissen. Sie klingelt eine Glocke und der junge Mensch, der mittendrin ist ein Gedicht zu schreiben muss sein Heft schließen und in eine andere Zelle wandern wo er sich dann merken soll, dass Menschen und Affen einen gemeinsamen Vorfahren haben.”
“Unabhägiges lernen, Gemeinschaftsdienst, Abenteuer und Erfahrungen, große Portionen von Privatheit und Mit-Sich-Alleinsein, tausend verschiedene Ausbildungen — die Abwechslung am Tag oder länger — das sind alles mächtige, billige und effektive Wege um eine echte Reform des Schulens zu beginnen. Aber keine groß-angelegte Reform wird jemals darin funktionieren zu reparieren unsere beschädigten Kinder und unsere beschädigte Gesellschaft, bis wir uns zwingen uns der Idee zu öffnen, dass "Schule" die Familie als den Hauptmotor der Bildung beinhaltet. Wenn wir Schulung dazu benutzen die Kinder weg von den Eltern zu brechen - und lass uns uns hier nicht täuschen, das war die zentrale Funktion der Schulen seit John Cotton es als den Zweck der Bay Kolonie Schulen in 1650 deklarierte und Horace Mann es 1850 als Zweck der Massachusetts Schulen erklärte - so lange werden wir die gleiche Horror-Show, die wir jetzt haben fortsetzen.” 
Dies war einmal das Land, wo jede geistig gesunde Person wußte, wie man eine Unterkunft baut, Nahrung anbaut und sich gegenseitig unterhält. Jetzt sind wir zu andauernden Kinder gemacht worden. (<- die das eben nicht mehr können)
Die Home-Schooling Bewegung ist unbemerkt auf eine Größe angewachsen bei der eine halbe Millionen junger Menschen (2013: 2,5 Mio) komplett von ihren Eltern gebildet werden; letztes Monat hat die Bildungspresse die erstaunlichen Neuigkeiten berichtet, dass in der Fähigkeit zu Denken, diese Kinder 5-10 Jahre ihren formal gebildeten Gleichaltrigen voraus zu sein scheinen. 

Weapons of Mass Instruction
Ich beknie Dich Deinen eigenen Verstand über die Annahmen zu untersuchen, die dahinterstecken, dass Du die Polizei benutzen willst um darauf zu bestehen, dass einstmals freie Geister keine andere Wahl haben als sich dem zu ergeben, dass sie durch Fremde beschult werden.
Ich kam zu dem Ergebnis, dass Genie so verbreitet ist wie Schmutz. Wir unterdrücken Genie aber, weil wir noch nicht herausgefunden haben, wie wir eine Bevölkerung von gebildeten Männern und Frauen managen. Ich denke, die Antwort ist einfach und glorreich. Lass sie sich selbst managen.


John Holt 

Instead of Education

"Bildung, mit seinem unterstützendem System von verpflichtendem (erzwungenem) und wetteiferndem Schulen, all seinen Karotten und Strafen, seinen Noten, Diplomen und Zertifikaten, scheint mir jetzt die vielleicht am meisten autoritäre und gefährliche von allen sozialen Erfindungen der Menschheit. Es ist der stärkste Pfeiler des modernen und weltweiten Sklavenstaates, in welchem die meisten Menschen sich als nichts anderes als Produzenten, Konsumenten und "Fans" fühlen, immer mehr und mehr getrieben, in allen Teilen ihres Lebens, durch Habgier, Neid und Angst. Mein Bestreben ist es nicht die "Bildung" zu verbessern, sondern sie abzuschaffen, zu beenden das widerliche und gegenmenschliche Geschäft des Menschen-Formens und die Menschen sich durch sich selbst formen zu lassen."
"Das bedeutet nicht, dass niemand mehr jemand anders beeinflussen soll oder versuchen soll zu beeinflussen, was andere denken oder fühlen. Wir alle berühren und verändern (und werden verändert durch) die mit denen wir zusammenleben und -arbeiten. Wir sind schon aus Instinkt heraus redsame und soziale Wesen, und natürlich teilen wir mit denen um uns herum unsere Sicht der Realität. In beidem, meiner Arbeit als Schriftsteller und als Dozent, und unter meinen Freunden mache ich dies die ganze Zeit. Aber ich weigere mich die anderen in eine Position zu stecken in welcher sie das Gefühl haben sie können mir nur zustimmen ... oder wenigstens den Anschein zu machen zuzustimmen. Deswegen, außer natürlich als gelegentlicher Besucher, werde ich mein Lehren nicht weiter in Zwangs- und Wettbewerbs-Schulen abhalten..."

“Ein lebenswertes Leben, und eine tunswerte Arbeit - das ist es, was ich für Kinder will (und alle Menschen), nicht nur, oder besonders nicht: etwas genannt 'eine bessere Bildung'.” 
“Vieles was wir Geschichte nennen, sind die Erfolgsgeschichten von Verrückten.” 
“Nur bis zu dem Ausmaß in dem Menschen haben was sie brauchen, in dem sie gesund und angstfrei sind, dass ihre Leben Abwechslung haben, interessant, bedeutsam, produktiv, erfreulich, daran können wir anfangen zu richten, oder nur zu ahnen, das Wesen der Menschen. Wenige Menschen, Erwachsene oder Kinder, leben aktuell solche Leben.” 



Ivan Illich


Deschooling Society (Entschulung der Gesellschaft)

“die bloße Existenz von Schulen entmutigt und versperrt den Armen die Kontrolle über ihr eigenes Lernen zu übernehmen.” 
“Das meiste Lernen ist kein Ergebnis von Unterweisung. Es ist vielmehr das Ergebnis von ungehinderter Teilnahmen an einem bedeutungsvollen Geschehen. Die meisten Menschen lernen am Besten, wenn sie "mittendrin sind," und dennoch stellt die Schule es so hin, dass sie die Schule als Quelle ihres persönlichen, kognitiven Wachstum durch ausgearbeitetes Planen und Manipulieren identifizieren.” 
“Schule ist eine Weltreligion geworden für ein modernisiertes Proletariats, und sie macht nichtige Versprechen der Errettung der Armen im technologischen Zeitalter.” 
 “Schule ist unter der Annahme designed, dass es ein Geheimnis zu allem im Leben gibt; dass die Qualität des Lebens davon abhängt dieses Geheimnis zu wissen; dass Geheimnisse nur in der ordentlichen Reihenfolge gewusst werden können; und dass nur Lehrer diese Geheimnisse richtig enthüllen können. Ein Individuum mit einem geschulten Verstand nimmt die Welt wahr, als Pyramide von klassifizierten Paketen die nur zugänglich sind für diejenigen, welche die richtigen Markierungen tragen.” 
“Universale Bildung durch Schulung ist nicht machbar. Es wäre auch nicht machbarer, wenn es durch alternative Institutionen versucht würde, die auf dem Stil der aktuellen Schulen aufbauen. Weder neue Einstellungen von Lehrern gegenüber ihren Schülern, noch die Verbreitung von erzieherischer Hard- und Software (im Klassen- oder Schlafzimmer), noch als allerletztes der Versuch die pädagogische Verantwortung auszudehen bis sie die gesamte Lebensspanne des Schülers umfasst wird diese universale Bildung bringen. Die aktuelle Suche für neue bildende Schornsteine muss umgekehrt werden - und zwar in die Suche nach ihrem institutionellen Gegenteil: Bildende Netze welche die Möglichkeit für jeden erhöhen jeden Augenblick seines Lebens zu verwandeln: in einen Moment des Lernens, Teilens und sich um den nächsten zu kümmern. "
“die Macht der Schule die soziale Realität zu zertrennen kennt keine Grenzen. Bildung wird weltfremd und die Welt wird Nicht-Bildend” 

 Paul Goodman 


Compulsory Miseducation

Wenn bei einer Konferenz, ich den Gedanken anbiete, dass wir vielleicht schon zu viel formales Schulen haben und dass - unter den aktuellen Bedingungen - je mehr wir noch dazu bekommen, desto weniger Bildung wir bekommen; dann schauen mich die anderen seltsam an und gehen dann wieder weiter darüber zu diskutieren, wie man mehr Geld für Schulen bekommt und wie man die Schule aufwertet.
Plötzlich bemerke ich, dass ich einem Massenwahn gegenüberstehe. Der Massenwahn in Frage, welcher das Ziel dieser klassischen ikonoklastischen (Ikonen zerstörenden) Arbeit ist, ist, dass Bildung nur durch den Gebrauch von Institutionen wie der Schule erreicht werden kann.

Donnerstag, 20. November 2014

John Taylor Gatto

Hier ist ein Interview mit John Taylor Gatto (einer der Galleonsfiguren im Unschooling-Bereich), das ich im folgenden zusammenfasse

John Taylor Gatto war über mehrere Jahre hinweg Lehrer des Jahres in New York City und auch  1991 auch in New York State - danach hat er sich von Schule verabschiedet und tritt nun für Homeschooling insbesondere für Unschooling ein.

Sein Englisch (heftig amerikanisch) ist ziemlich schwer zu verstehen und das Interview sehr lang.
Am Anfang werden seine Hauptthesen zusammengefasst (wie auch in Wikipedia zu finden):
  • Sie macht die Kinder konfus. Sie präsentiert ein zusammenhangloses Ensemble von Informationen, die das Kind memorieren muss, um nicht von der Schule zu fliegen. Abgesehen von den Tests und Prüfungen funktioniert diese Programmierung ähnlich wie das Fernsehen, das fast die ganze ‚freie’ Zeit der Kinder ausfüllt. Man sieht und hört irgendetwas, um es gleich wieder zu vergessen.
  • Sie lehrt sie ihre Klassenzugehörigkeit zu akzeptieren.
  • Sie macht sie gleichgültig.
  • Sie macht sie emotional abhängig.
  • Sie bringt ihnen eine Art von Selbstvertrauen bei, die auf ständige Bestätigung durch Experten angewiesen ist (provisional self-esteem).
  • Sie macht ihnen deutlich, dass sie sich nicht verstecken können, weil sie immer überwacht werden.[6]
Dann kommt ein Abschnitt darüber, warum das Schulsystem so ein degeneratives Ergebnis erzeugt. Er sagt, dass es der Zusammenhang zwischen der Funktionsweise der Wirtschaft und der Struktur des Schulsystems ist.
Also die Managementmethoden versagen desto mehr, je autonomer (eigenständiger) die Menschen handeln. Da die Managementmethoden der Wirtschaft "State of the Art" (und auch der Zustand der Zivilisation) sind - werden diese Managementmethoden natürlich auch in die Schule propagiert.

Ich will hier zusätzlich erläutern:
-Oft wird gesagt, dass die Schule uns mit Absicht zu kleinen Ameisen erzieht, die nicht selber denken können/sollen. Dass es von Staat und "den Kapitalisten" so gestaltet wäre, damit wir gute Bürger und gute Arbeiter werden.
Dieses sagt John nicht. Seine Aussage deckt sich dagegen mit der Beobachtung, dass durch Änderung in den Managementmethoden sich auch die Methoden in der Schule ändern.
Einige Beispiele:
-Wochenpläne und Kompetenzraster (ahmt Management by Objectives (MbO) also Management durch Zielvereinbarungen nach)
-ein morgendlicher Stuhlkreis (ahmt morgendliche Besprechungen nach)
etc.

Als nächstes erklärt John, dass er seinen Kindern immer klar gemacht hat, dass sie ihn jederzeit nach dem Sinn des Lernstoffs fragen können (aber höflich, da er ja auch ein Mensch ist) - und wenn er keine gute Antwort liefert, können sie "opt-out" (wörtl: sich heraus wählen) machen.

Und er hat seinen Schülern immer erlaubt nicht zum Unterricht zu kommen (mit Einverständnis der Eltern), wenn sie etwas "Besseres" vor hatten.

Er erzählt - und das ist ein ziemlich wichtiger Bestandteil - von seinen Gesprächen mit 2 Direktoren von renommierten Colleges - und worauf sie Wert legen. Es sind - überraschenderweise - die Hobbies. Wie die Bewerber ihre Freizeit verbringen erlaubt den besten Blick in ihre Seele und wie sie ticken.
Der optimale Kandidat hat 3 Herzen:

  • Körperliches Hobby: Kein Teamsport, da weiß man nicht, welche Position und man kann sich zu sehr hinter anderen verstecken. Ideal ist: Ein Einzelsport mit einem leichten körperlichen Risikofaktor.
  • Intellektuelles Hobby
  • Soziales Hobby
Stunde 2-3

Betrifft nur Schule.  Es geht über die Familie von Darwin und Thomas Maltus. Die Grundaussage ist, dass Eltern versuchen ihre Kinder vor Kindern aus niederen Kreisen schützen wollen. Zusätzlich kommt noch Adam smith, der sagt.. der unterschied zwischen dem kind des Herzogs und des strassenfegers ist ihre frühe Erziehung ... damit war smith einer der ersten. Davor hatten die unterschichten das Gefühl vom goodwill und der Gnade drr oberschichten abzuhängen.  (Wichtige Namen sind hier: spinoza, plato, malthus, darwin, vorbestimmung kalvin)
2. Er erzählt wie er mit den Kindern aus der Unterschicht (Harlem) den gleichen harten Stoff gemacht hat, wie mit denen aus der Oberschicht. Er hat Jack London (Call of the Wild) für eine 8. Klasse fallen gelassen und anstatt dessen Moby Dick durchgenommen, eines der schwersten Bücher über Schicksal, etc. 
Kinder, die Besseres mit ihrer Zeit vor hatten hat er gecoached und aus der Schule geschickt um ihr Ziel umzusetzen.  Einer Schwimmerin, die im Unterricht nur schlief, hat er gesagt: Dass sie in der schule nicht schwimmen könne, weil es nicht mal ein Schwimmbecken gäbe. Sie solle rausgehen und die 160 Bäder von New York City besuchen und eine Karte mit Berichten anfertigen.

3. "Gehirn ist ein Muskel-Theorie" gilt für ihn.  Die einfachste Weise ein Kind zu einem Genie zu machen ist es ab dem 7. Lebensjahr einer massiven Fülle an Informationen auszusetzen ("frontload it with information").

Stunde 3-4
Hier geht es um die Erfinder Benjamin Franklin und Edison - respektive ihre Jugend. Beide verlassen die Schule um ihre Energie sinnvoll einzusetzen und machen echte Erlebnisse in der Welt (und auch Geschäfte).
Während andere Kinder im Alter von 12 Jahren Angst haben, dass eine 3 im Zeugnis ihnen ihr Leben versauen kann.

Auch bespricht er wieder Thomas Maltus und Niccholo Macchiavelli und findet, dass die Kinder wenigstens alle diese Höhepunkte (in denen manchmal Schule zum Nachteil der Bevölkerung eingesetzt wird - oder einfach eher zum Vorteil des Regenten) der Zivilisation kennen sollten, damit sie wenigstens eine Wahl haben und wissen was los ist. Anstatt dass sie blind den Lehrern hinterherlaufen, die wiederum unwissend das weitergeben, was ihnen anbefohlen wird.

Das führt ihn zum Thema der Tests. Er gibt an, dass es keinen Nutzen hat zu testen, außer Kinder in konstanter Abhängigkeit und Angst zu halten.



=> Das Ergebnis für produktives Unschooling ist:

  • die Klassiker auf jeden Fall auch anzubieten (wie schon auch oben bei Moby Dick, etc.)
  • Biografien und Autobiografien um junge Menschen zu inspirieren
  • keine Bewertungs-Tests (aber das ist offensichtlich) - höchstens zur Selbstdiagnostik
Er beschreibt die Zusammenhänge zwischen Adoption und Schule und ein finsteres Kapitel über Boxcar-Children (Kinder, die verschleppt wurden und dann verkauft um die Eltern im Arbeitsmarkt zu haben). Das letzte habe ich nicht selbst recherchiert - ich finde nur den berühmten Roman "The boxcar children" - aber sonst nichts.
Bei dem anderen kann ich mir denken, dass einfach der Fokus der Regierung zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Aufbewahrung der Kinder ging und die aktuell zuständigen im Familienministerium sich dann darum gekümmert haben. Auf eine zugegeben sehr sozialistische Art und Weise (nämlich mit Freiheitseinschränkungen für die Betroffenen, anstatt sie zu unterstützen mehr Freiheit zu gewinnen), aber das war "gut gemeint".

Eine weitere Beobachtung ist die Erweiterung der Kindheit dadurch, dass die Schule kindische Ängst nährt und davon profitiert. Angst vor Noten - was im Grunde die Angst ist, von einer Bezugsperson keine Liebe und Zuneigung zu bekommen. Und diese Ängste dehnen die Kindheit weit in das Erwachsenenalter, was natürlich eine Beschneidung der Persönlichkeitsrechte gleichkommt.

Auch der künstliche, unnütze Wettbewerb der nur darauf abzielt das Lernen zu verbessern - richtet nur Zerstörung an. Man wird neidisch auf "bessere" und konzentriert sich nicht auf das Lernen selber und was man selber daraus ziehen kann, sondern auf den Wettbewerb. Dieses fördert auch wieder niederes unproduktives Verhalten.

Stunde 4-5:
Zusätzlich beschreibt er, seine Analyse der wirklichen Elite-Elite-Boarding-Schools und welche Skills sie lehren (und mit welchen man dann eben vom Gonzo zum Herzogssohn wird):

 1. Eine Theorie über die menschliche Natur (verkörpert in Geschichte, Philosophie, Theologie, Literatur and Gesetz - ich füge noch Soziologie hinzu).
2. Skill in der *aktiven* Literatur (Schreiben, öffentliches Sprechen). Einfaches Lesen dagegen ist nur für Untergebene wichtig, damit sie ihre Befehle schriftliche entgegennehmen können (ich möchte hinzufügen, dass sie auch einfache Gesetzesänderungen und Änderungen in Steuerverpflichtungen lesen können) - und ist deswegen nur wertvoll für die Befehlshaber.
3. Einsicht in die großen Institutionen  (Gerichte, Körperschaften (wie Aktiengesellschaften), Militär, Erziehung).
4. Wiederholte Übung von guten Mannieren und Höflichkeit; basierend auf der Wahrheit, dass Höflichkeit und Umgangsformen die Grundlagen für alle zukünftigen Beziehungen sind, alle zukünftigen Allianzen, und Eintritt zu den Plätzen zu denen Du vielleicht gehen willst.
5. Unabhängiges Arbeiten.
6. Energetischer körperlicher Sport ist kein Luxus, oder ein Weg "Dampf abzulassen" aber sie sind absolutely the only way to confer grace on the human presence, and that that grace translates into power and money later on. Also, sports teach you practice in handling pain, and in dealing with emergencies.
7. A complete theory of access to any place and any person.
8. Responsibility as an utterly essential part of the curriculum; always to grab responsibility when it is offered and always to deliver more than is asked for.
9. Arrival at a personal code of standards (in production, behavior and morality).
10. To have a familiarity with, and to be at ease with, the fine arts. (cultural capital)
11. The power of accurate observation and recording. For example, sharpen the perception by being able to draw accurately.
12. The ability to deal with challenges of all sorts.
13. A habit of caution in reasoning to conclusions.
14. The constant development and testing of prior judgements: you make judgements, you discriminate value, and then you follow up and “keep an eye” on your predictions to see how far skewed, or how consistent, your predictions were.

Lernen ist am besten möglich, wenn man sich "at ease" (leicht und unbeschwert) fühlt - denn nur dann kann man richtig verstehen.
Durch ändern des Habitus konnten seine Schüler (ca. 13 Jahre alt) in Universitäten und Gerichtsräume, etc. ohne Probleme eintreten und teilnehmen. (siehe auch Nr. 3).

Seine nächste Ausschweifung ist etwas heftig und außergewöhnlich: Es geht darum, dass schon in der Antike die Kaiser und Herrscher gerne Flöhe abrichteten (man kennt vielleicht noch den Flohzirkus von Jahrmärkten).
Um Flöhe abzurichten wird ein flaches Gefäß genommen und die Flöhe hineingesetzt, dann ein Deckel darauf. Sie hüpfen und stoßen sich den Kopf so lange an, bis sie aufgeben und gezähmt sind. Sobald ihr "Wille" gebrochen ist drängen sie sich alle auf einem Haufen zusammen und sind leicht zu kontrollieren.

John Taylor Gatto sagt: "In diesem Moment habe ich erkannt, dass ich als Deckel angestellt war" (sein Beruf als Lehrer).
Er will keine böse Absicht unterstellen (oder nur marginal), sondern stellt das Problem vor, dass es keine Möglichkeit gibt "eine Gesellschaft zu managen, die keine Manager braucht".
Dasselbe ist mit Produktion und Kapitalismus: Wenn jeder fähig wäre, selber Sachen zu erfinden, herzustellen und Erfindungen dauernd zu verbessern (oder auf seine Notwendigkeit zuzuschneiden) würde das Kapital zusammenbrechen.
Ähnliches mit Demokratie - wenn alle die Demokratie sehr ernst nehmen zerschlägt sich die Macht.

Curiosity - Neugier - lever for innovation
Methods to destroy:
1.) Stillsitzen + Antwort ausspucken auf Aufruf
2.) Fehlerhafte Quellen (Schulbücher)
3.) Bedrohung durch Tests

American Dream - Write your own script, Have an independent livelyhood

Invention by outsiders - training actually to *narrow*. And not by goal or mastery, but by examining details.

Habit hält uns alle in unseren sozialen Strata. Den Minenarbeiter in seiner Dunkelheit, sie sorgt dafür, dass die schlimmsten Jobs nicht verlassen werden, etc.

Alexander James Inglis Lecture - 6 Zwecke des Beschulens - und auch Principles of Secondary Education:
1.) Adjustive Function - fixed habits of reaction to authority
2.) Integrating Function (conformity function) - make as alike as possible (react generally the same way)
3.) Directive Function - diagnose proper social role and allocate in the social pyramid, so that they can't evade
4.) Differentiating function - teach just as far for the layer in the pyramid
5.) Selective function - Assess breeding quality - tag the unfit with their inferiority, by poor grades and humiliation - so that peers will accept this ranking
6.) Propedeutic function - small fractions of kids will take over the functions in the system (Heranbilden neuer Nachwuchs-Funktionäre)

Man wird gemessen an seiner Performance nicht an seinen Zertifikaten

Das System (Schule) wie es jetzt ist dient denen, die es erschaffen haben, nicht denen, die darin sind.

Somit unterscheiden sich diese Elite-Elite-Private-Boarding-Schools in ihrem Curriculum erheblich von denen der öffentlichen und privaten Schulen.