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Montag, 9. März 2015

Die eigene Geschwindigkeit

Wie die meisten ja schon gemerkt haben, bin ich kein "Unschooler" der reinen Lehre. Das bedeutet wir haben diesen Zettel, auf dem Sachen stehen, die sie sich aussuchen können. Bei denen sie dann aber auch über einen gewissen Zeitraum bleiben *müssen*.

Dennoch... diese Woche hat Chopper kein einziges seiner Skill-Trainings gemacht. Ich habe ihn 2 oder 3 Mal darauf angesprochen, er meinte aber nur, dass er diese Woche eine Pause mache und wahrscheinlich nächste weiter.

Ich finde es toll, dass er diese Pause einfach nehmen kann. Und zwar dann wenn er sich so fühlt als ob er sie brauchen würde... und nicht weil gerade Ferien auf irgendeinem Kalender stehen.

Ich hätte das auch früher so gerne gehabt.
Das Interessante ist, dass er ja One Piece die letzten Wochen gelesen hat und dann (bei Kapitel 620) aufgehört hat mit den Worten: "Ich lese jetzt ein Jahr kein One Piece mehr".
Er hält das jetzt schon 2 Wochen durch, einfach so von sich aus.

Er hatte auch gesagt er will jetzt einen Monat kein Computer mehr spielen, da ist er aber ziemlich schnell dran gescheitert - und das obwohl ich nur ein neues Computerspiel ausgeliehen hatte :)

Ich bin gespannt wie es weitergeht mit seiner selbstgewählten Selbstdisziplinierung. Ich lasse dafür ein bisschen lockerer, was die Skill-Trainings angeht. Die meisten aktuellen hat er auch ziemlich gut weit gebracht. Also er verliert nichts durch eine Pause und bei seinem Stand können wir da jetzt eh mit den Sommerferien anfangen :)

Ich finde es so schön Chopper einfach sein eigenes Tempo wählen zu lassen - habe ich das schon gesagt. Es tut ihm bestimmt gut und es gibt ihm die Möglichkeit sich selbst näher kennen zu lernen und zu entdecken.

Wo und wann hat man schon noch einmal diesen Luxus im Leben???

Sonntag, 22. Februar 2015

Unschooling - Homeschooling - Freilernen - Radical Unschooling - Hackschooling - Worldschooling - XYZSchooling

Wenn man neu beim Schulfreien Lernen ankommt, dann wird man nach einer kurzen Pause (in der man erst mal sacken lassen muss, dass Schule doch nicht die beste Idee ist, sondern vielleicht sogar eher eine sehr Schlechte) von vielen neuen Begriffen überwältigt.
Nein! Erschlagen!
Man fühlt sich sehr orientierungslos, da alles was man bisher für richtig hielt (Schule gut, Mehr Schule besser) auf einmal falsch ist (Schule schlecht, mehr Schule Katastrophe).

Zeugnisse - bäh. Bestrafen - bäh. Motivieren - bäh. Belohnen - bäh. In gutes und schlechtes Wissen unterteilen - bäh. Allgemeinwissen - bäh. Noten - bäh. Stundenplan - bäh. Hausaufgaben - bäh. Früh aufstehen - bäh (naja, da hatte manch einer schon so ein Vorgefühl :) ). Melden - bäh. Erwachsene sind die Bestimmer - bäh. Einen Job mit so viel Prestige wie möglich und so viel Geld verdienen wie möglich - halbbäh. Diszipliniert werden - bäh.
Und die Liste lässt sich noch endlos weiterführen.

Man fragt sich dann: Was stimmt jetzt eigentlich noch? Und was nicht? Wer bin ich? Was hätte alles aus mir werden können, wenn ich mich einfach hätte entwickeln können? Wenn mich die Schule nicht verbogen hätte? Wie eine Aluminiumfolie, die um irgendeine Arbeit rumgewickelt wird, die in unserer Gesellschaft gerade verrichtet werden soll?

Man versteht auf einmal den kompletten Text des Liedes "Logical Song" von Supertramp und schließt mit der Frage: "Won't you please, please tell me who I am!".

Es ist eigentlich wie bei dem Eintritt in einer Sekte (habe ich mal irgendwo gelesen). Zumal die Reaktion des Umfeldes auch ähnlich ist: "Was Homeschooler? Aber, aber... bist Du jenseits von Gut und Böse???" (ratlose Gesichter). Man hat auch nicht wirklich Leute, mit denen man sprechen kann und seine Erfahrungen austauschen kann: "Also mein Kind hat jetzt 620 Kapitel One Piece gelesen und sich 5 Piratenschwerter gebaut... muss ich mir Sorgen machen???"

Um nun einen ersten Halt für alle, die gerade in diesem Dschungel angekommen sind zu geben. Ihnen sozusagen eine kleine Machete und einen Kompass in die Hand zu drücken will ich nun die wichtigsten Begriffe *korrekt* erklären. Egal was irgendjemand anders behauptet, die nun folgende Erklärung ist vom internationalen Zentralrat des Non-Schooling in Den Haag abgesegnet worden und wird nun mit der Welt geteilt:

1.) Home-Schooling: Du hast Dich also entschlossen Deine Kinder nicht zur Schule zu schicken. Wahrscheinlich ist das ein großer Schritt und viele fangen nun an, die Schule zu Hause nachzubauen. Schulbücher, Schreibtische, vielleicht sogar eine kleine Glocke, eine kleine Tafel, Kreide und manche geben ihren Kindern sogar Noten. Willkommen in der Welt des Home-Schooling. Du versuchst nun wahrscheinlich Deinen Kindern den normalen Lehrplan besser beizubringen und kannst mehr auf ihre Fragen eingehen. Die gute Nachricht: Deine Kinder werden laut Forschung durch den besseren Schlüssel alleine schon einen Vorteil haben gegenüber einem Schulsetting.

2.) a) Unschooling: Manche Sachen in der Schule erschienen Dir fragwürdig... nunja... schwachsinnig. Total hirnverbrannte Erfindungen von kranken Köpfen, die nur dazu da waren Dich und Deine Mitschüler zu quälen - z.B. Mathe. Du willst natürlich diese Sachen nicht an Deine Kinder 1:1 weitergeben. Also lässt Du sie weg. Du lässt *schulische* Dinge weg: Un-Schooling. Das kann das Zeugnis sein, das können die Noten sein, das kann die komische Evolution sein, oder Du findest Evolution extra-klasse und wünschtest Du hättest sie damals richtig erklärt bekommen (denn laut einer Aussage verstehen die wenigsten Lehrer Evolution, sondern sind eher Lamarckisten).
Wo auch immer Du von der Schule abweichst: Unschoolst Du.

/Legacy of John Holt - ca. Minute 5 + ca. Minute 47


2.) b) Der Begriff Unschooling bezeichnet am gebräuchlichsten eine Form des Home-Schooling, bei der zumindest kein Lehrplan, keine Noten und keine Tests stattfinden. Es ist ein Interessen-getriebenes LOD (Learning On Demand).
Ein paar gute Bücher:
Aus schlauen Kindern werden Schüler. Von dem, was in der Schule verlernt wird - John Holt
Wie Kinder lernen - John Holt
Free to Learn - Pam Laricchia

3.) a) Deschooling: Wie kamst Du eigentlich darauf, dass dies oder das in der Schule doof ist? Vielleicht hast Du jeden Tag Angst gehabt in Mathe zu sitzen und hast Dich stundenlang mit den Hausaufgaben gequält .... im echten Leben hast Du dann nie wieder Mathe gebraucht und fragst Dich seitdem warum Du das durchmachen musstest? Vielleicht wurdest Du auch in Deiner Klasse gemobbt und hattest eine Zeit lang nach der Schule sogar noch Angst vor Menschen ... im echten Leben hast Du gemerkt, dass die meisten Menschen nett sind. Kein Mensch versucht Dich den ganzen Tag als den letzten Dreck hinzustellen, und wenn es doch solche Bullies mit gestörtem Verhältnis zur Gewalt irgendwo gibt, dann kann man ganz einfach den Raum wechseln. Aber wieder stellt sich die Frage, warum man jahrelang mit diesen Menschen eingesperrt war - als Kind, als man sich am wenigsten wehren konnte.
Diesen Prozess des Infrage-Stellens nennt man Deschooling. Man hinterfragt seine Erfahrungen, die man in der Schule gemacht hat und die damals als gottgegeben dargestellt wurden. Dies kann schmerzhaft sein. Da man vergewaltigt wurde, ohne es zu wissen und im festen Glauben dazu erzogen wurde, dass dies gut und wichtig für die Entwicklung sei.
Deschooling Society - Ivan Illich

3.) b) Deschooling: Deschooling nennt man auch den Prozeß des Befreiens bei Kindern, die in der Schule waren oder ein ähnlich kompetitives, gezwunges Lernsetting hatten. Oft werden Kinder die starke Schulprobleme hatte und deren Eltern dann eine "kognitive Wende" (eine sehr schnelle und rasche Transition vom Schooling zu Unschooling machen) machten so beschrieben, dass sie sich komplett gehen lassen. Nichts mehr machen wollen außer Junk-Food und Fernsehen. Und man soll dies zulassen. Nach einiger Zeit (im Raum stehen oft 2 Wochen bis 2 Monate pro angefangenem Schuljahr) kehren die Kinder dann zu den natürlichen Bedürfnissen und menschlichen Verhaltensweisen zurück. Also Selbst-Effektivität, Intrinsische Motivation, natürliche Neugier, etc.
Da das nach 6 Jahren Schule schon 1 ganzes Jahr sich selbst gehen lassen sein kann, bin ich kein Freund von diesem Ansatz. Ich bin eher Vertreter einer langsamen Transition von fremdbestimmt in selbstbestimmt. Jemand der dann selbstbestimmt ist wird dann selbst entscheiden können, ob er jetzt wirklich ein Jahr Fernsehen will und Junk-Food haben will.

4.) Radical Unschooling: Nehmen wir an, Du hast nun *ALLES* hinterfragt. Und hast gesagt: Ja, ich finde alles wirklich bäh, was da in der Schule veranstaltet wurde. Jetzt hast Du in einem jahrelangen Prozess alles über Bord geworfen und fühlst Dich komplett Gewalt- und Wertungsfrei, keine Zeugnisse, keine Stundenpläne. Spielen an der Wii und der Playstation zählt genauso als Lernerfahrung wie das Studieren von Nuklearphysik und das Entwickeln mathematischer Modelle zur Krebsbekämpfung. Anschauen von Twilight und The Walking Death zählt genauso viel wie in einem Flashmob gegen Tierversuche mitzumachen.
Das ist sozusagen der Zen-Himmel der Erziehung. Da Du nicht mehr wertest kann nichts zwischen Dir und der Beziehung zu Deinen Kindern stehen. Du erwartest nicht mehr, dass sie etwas "sinnvolles" (in Deinen Augen) machen, da sie ja ihren Sinn erst selber finden müssen. Das bedeutet sich "The Walking Death" anzusehen, kann auch zu irgendwas führen - Du weißt es nur nicht, weil es ihr Leben und ihre Bildung und ihre Ziele und ihre Träume und ihre Welt ist. Du akzeptierst aber Deine Kinder als gleichberechtigte Menschen, die ihren Weg finden.
Wenn Du irgendwann denkst Du bist ein "Radical Unschooler" dann warte ab: Es gibt immer noch einen der so dermaßen mehr "radical" ist, dass Du dagegen wie ein konservativer Spießer aussiehst, der den ganzen Tag nichts macht außer Erbsen zu zählen.
Radical Unschooling - oder sogar der "radicalste" zu sein - ist kein Wettkampf. Es ist auch nicht die Königsdisziplin! Es ist einfach eine Wahl, die jemand für sich trifft oder nicht. Es ist ein Weg, den man geht oder nicht.
Auch wenn man in manche Mailing-Listen stolpern kann (z.B. die von Dayna Martin - der Frau, die den Begriff "radical unschooling" stark geprägt hat) in denen alles andere als "falsch" oder "nicht-unschooling"-mäßig proklamiert wird, so hilft es doch "Unschooling" nicht als Religion mit nur einem Gott zu verstehen.
Und egal, wie viele Dinge Du von der Schule loslässt - Du gehst einen Weg. Das ist schon etwas! Schon allein den Kindern die Wahl zu geben, ob sie in die Schule wollen oder nicht ist ein immens großer Schritt für den Dich die prüfenden Blicke unserer Gesellschaft schon genug strafen werden.
Gehe nur die Schritte mit denen Du Dich gut fühlst, die Dir einfach fallen. Es geht nicht darum ein perfekter Radical Unschooler zu sein - es geht darum die eigenen Ziele der Menschen in Deiner Familie zu finden und zu leben.

5.) Freilernen
Ist der deutsche Über-Begriff von fast allen dieser Dinge. Er ist noch recht diffus und ich habe auch schon Eltern von Kindern an "freien Schulen" sich als Freilerner bezeichnen hören. Oft wird da der Fokus auf die intrinsische Motivation und den inneren Lehrplan der Kinder gelegt.
Man geht hier also davon aus, dass Menschen in sich bestimmte Interessen tragen, die auf ihre Entfaltung warten (hier mischt es sich also mit Unschooling). Man geht davon aus, dass diese Entfaltung in freudvoller und mit praktisch unaufhaltsamer Energie vonstatten geht.
Ein gutes Buch hierüber ist: Olivier Keller - denn mein Leben ist Lernen
Als Beispiel gilt hier Andre Stern, der irgendwann angefangen hat den ganzen Tag die Sprache Deutsch zu lernen und das bis zu 8 Stunden - oder sich Gitarrenbau aneignete, sich dann einen Meister suchte und den überredete ihn auszubilden. Respekt.

6.) Hackschooling
In einem berühmten Ted-Talk (das ist eine Serie von Vorträgen in denen Menschen Gehör finden, die irgendwas Interessantes gemacht, entdeckt, etc. haben) gibt Logan LaPlante (Home- und Unschooler) uns zu verstehen, dass man seine Bildung hacken soll. Dass man wirklich verstehen wollen soll (hacking), in welche Richtung man sich bilden will und sich dann die besten und lebensnahesten Ressourcen beschaffen soll. Das geht von Praktika in den Gebieten, aber auch Gehirnforschung, wie das Lernen an sich funktioniert. Er wirbt für eine Bildung, deren Grenzen nur noch die eigene Vorstellungskraft sind. Er definiert hier seinen eigenen Weg, seine eigene Form von "Unschooling" und gibt ihr einen Namen: Hackschooling.
Von Unschooling, Radical Unschooling, Worldschooling, Homeschooling, normales Schuling, etc. holt er sich dann nur noch Impulse. Sie gelten als seine Ideengeber - nicht als seine Dogmen. Das ist ein elementarer Bestandteil seine Bildung zu befreien.

7.) Worldschooling
Das sind Home-/Unschooler, die ihren Fokus auf Reisen haben. Sie sagen nicht den guten mittelalterlichen Spruch: My home is my castle - sondern sie sagen: Home is, where my family is.
Sie sehen die Welt, die normale Schüler aus Büchern und Ferien kennen. Oft verlassen Eltern den regulären "Wir-Büro, Du-Schule"-Weg und scheren aus in diese komplett neue Art des Lebens. Sie ähnelt etwas der Bildung des Adels und der Herrscher in Renaissance und Aufklärung. Durch Internet, Couch-Surfing, Worldschooling-Communities und umgebaute Wohnbusse ist dieses Leben heutzutage sehr viel leichter für sehr viel mehr Menschen möglich. Und man genießt die Zeit mit seinen Kindern wahrscheinlich zu einem Ausmaß, das weit hinter unseren Vorstellungen liegt. Und es wird auf jeden Fall zu der einen Entscheidung gehören, die man nicht auf seinem Sterbebett bereut.

8.) XZYSchooling
Nach diesem kurzen Abriß möchte ich (und der Zentralrat des Non-Schooling) nun empfehlen, dass jeder seinen Weg findet.
Und möchte mit Sandra Dodds schönem Satz schließen: "Lies ein bisschen, probier ein bisschen etwas neues aus, warte ein bisschen und beobachte" (Read a little, try a little, wait a little and watch).
Es ist eine wunderbare neue Welt - setz Dich nicht unter Druck. Du brauchst auch niemanden zu überzeugen (besorgte Großeltern). Die radikalste Kritik an einem bestehenden System ist es etwas anderes zu machen - und das machst Du. :)

PS: Es gibt keinen Zentralrat des Non-Schooling in Den Haag - noch an einem anderen Platz der Welt. Es gibt keinen Non-Schooling Kultusminister und auch sonst keine Autorität. Finde Deinen Weg und sieh alle anderen nur als gleichwertige Berater, deren Meinung so viel zählt wie Dein Gefühl oder Deine Meinung - oder die Meinung Deiner Mutter.

Ich hoffe der Artikel hilft Neuankömmlingen :)

Dienstag, 17. Februar 2015

Der Versuch ein wissenschaftliches Fundament für Bildung zu finden in einer Welt in der es bis jetzt nur Schule gibt

(Vorweg: Natürlich gab es nicht nur Schule in unserer Welt, aber alle Industrienationen - die unsere heutige Welt bedeuten - haben das Konzept Schule einstimmig übernommen - das aktuelle Modell seit ca. 200 Jahren)

Als ich mich vor ein paar Jahren aufmachte um herauszufinden welche Bildung, welche Schule die Beste ist hätte ich nie gedacht, dass ich außerhalb der Schule landen würde.
Zuerst kam ich auf ein Modell, das ähnlich den Rennaissance-Werkstätten funktionierte. Intrinsische Motivation nach Deci-Ryan, etc.

Dann kam der Gedanke (von außen, wie alle Gedanken - ich schien unfähig eigene Gedanken zu produzieren und habe diese Unfähigkeit auch immer noch nicht überwunden) es müsste doch gar nicht in der Schule geschehen, sondern man könnte auch *außerhalb* dieser unwegdenkbaren Wände denken.

Seitdem versuche ich möglichst viel Zweitquellen (Studien, Berichte, ...) , Erstquellen (Lebensläufe, Youtube-Kanäle, etc.) und Auswertungen (Regierungsdaten, etc.) zu bekommen.

Die Schwierigkeit an einem wissenschaftlichen Vorgehen innerhalb des Bildungsbereichs ist: Es gibt praktisch keine relevante Kontrollgruppe. Man hat entweder Kulturen mit Schule, oder Kulturen, die zu arm sind, sich eine Schule leisten zu können (und erst mal nach vollständigem Ausbau der Schulen streben). Oder man hat Kulturen, die zu klein sind um als Kontrollgruppe dienen zu können.

Ohne Kontrollgruppe ist aber Wissenschaft nicht möglich. Witzchenschaft...? Und unser ganzes Schulsystem ist ein großer Inzest von sich gegenseitig bestätigenden Institutionen.

Z.B: Du kannst nur eine tollen Job kriegen mit Studium, studieren darfst Du nur mit Abi, Abi nur mit guten Noten. Und dann hast Du Erfolg. Wir wissen nicht, wie die Chirurgen ohne Studienabschlüsse sich machen. Wir wissen nicht mal mehr, wie die Führungsetagen sich machen ohne Doktor.

Von einer umfassenden Betrachtung welche Bildung nun Erfolg haben könnte und in welcher Richtung war weit und breit keine Spur. Und was Erfolg war - und an welchen Kriterien man ihn misst - das lag komplett im Dunklen. Die PISA Leute einigten sich hier auf Rechnen, Schreiben, Lesen. SAT-Test, Abitur waren schon breiter gefächert. Aber immer noch lies sich kein Erfolg an der Uni damit voraussagen. Und schon gar nicht Erfolg im Leben. Außer der, dass man ja an manche Jobs nicht ohne Abi kam.

Schule war also ein System, dass sich global seit 200 Jahren selbst bestätigte. Und immer wenn jemand daran zweifelte dort etwas Sinnvolles zu lernen, oder die Schule als schlecht hinstellte kam keine Forschung dazu auf. Aber es kamen immer ein paar Fallschirmjäger von der Lehrergewerkschaft um die Zweifler und Kritiker mundtot zu bekommen. Das System Schule überlebte Amokläufe in der westlichen Welt, massenweise Essstörungen, steigende Selbstmordraten. Nichts konnte den eisernen Vorhang der Unwissenheit mit dem sich die Schule umgab zerstören.

Sie war das totale Dogma - das jeder Wissenschaft in den ... Hintern biss. Bis vor ein paar Jahren! Und mittlerweile haben wir in den USA einen Prozentsatz von Schulverweigerern die erfolgreich ihre Bildung gestalten, der nicht mehr zu leugnen ist. Und der auch nicht mehr zu marginalisieren ist.

Und es gibt immer mehr Forschung über den Effekt der Schule und ihrer Massen-Einführung in unserer Gesellschaft.

Ein erster Hinweis war (damals) das Buch von Harvey J. Graff, dass in Vor-Schulpflicht-Zeiten manche industriellen Ländern Alphabetisierungsraten von 100% hatten (durch Home-Schooling). Und diese Raten nie wieder erreicht wurden.
Dann kamen weitere Autoren aus der Ecke der historischen Soziologie dazu - während die aktuelle Pädagogik damals keinen Hinweis auf den Erfolg von irgendwas außerhalb der Schule gab.

Mittlerweile ist es möglich praktisch alle Fragen zu beantworten:
Vorher gab es keine klaren Daten ob es Dyslexie gibt. Ein Phänomen, das Schüler beim Lesenlernen zeigen, gefördert von Leistungsangst, Druck, etc. In der Schule - nicht sehr überraschend - aber außerhalb? Bei Unschoolern? Keine Ahnung.

Was werden Menschen, die nur frei lernen und nur ihren Interessen folgen - in einer Welt, die versucht Deine Interessen auf möglichst kurzfristige Konsumerlebnisse zu lenken, die wie Zucker für den Geist wirken? Ist der Mensche von Grund aus dazu geneigt Sachen lernen zu wollen, effektiv zu interagieren, so wie es die Vertreter der intrinsischen Motivation behaupten? Keine Ahnung. Aber wir kriegen langsam Daten!

Ist die Schule ein Fluch oder ein Segen für arme Länder? Tausende Wohltätigkeitsorganisationen behaupten sie sein ein Segen. Aber irgendeine Forschung mit einer Alternative, eine valide Kontrollgruppe? Gab es nicht.

Wir stehen wirklich am Anfang einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Bildung. Es gibt kiloweise, nein!, tonnenweise Bücher, die sich alle nur in dem geschlossenen System Schule bewegen und somit nicht das Papier wert sind auf dem sie geschrieben stehen. Ohne Kontrollgruppe ist keine Forschung möglich.

Jetzt haben wir die Kontrollgruppe. Und die Schule findet darin ihren schlimmsten Nemesis. Die Schule muss sich dem Mörder alles Aberglauben stellen. Der Wissenschaft.

Montag, 12. Januar 2015

Erschaffen - nicht kaufen

Unsere Gesellschaft strotzt vor kaufbaren Lösungen für alles:
Du willst eine neue Sprache lernen? Sprachkurse - online, offline, Gurus mit Workshops und Seminaren, Bücher, Websites, Busuu, wie sie alle heißen.
Du willst irgendwas Triviales nähen? Schreib Dich bei einem Kurs bei der VHS ein.
Du willst Roboter-Programmierung lernen? Kauf Dir einen Nano oder ein Mindstorms-Set.
Du willst ein Instrument lernen? Los geht's zum Shopping: Auf der Liste stehen: Instrument, Kurs, Buch, ...
Nanotechnologie, Chemie, Tiermedizin? Selbst an die Uni brauchst Du eine Eintrittskarte, die Du am Eingang lösen musst. Das Abi, gekauft durch endlose Schufterei von Aufgaben, die nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben - oder nur entfernt, oder nur irgendwie...
Und was man alles ausgibt, Geld, Zeit,...

Die ganze Zeit kauft man sich Symbole und das Gefühl dem Ziel näher zu kommen. Allein schon im Buchladen den richtigen Sprachkurs gefunden zu haben gibt praktisch die ganze Befriedigung des Lernens.

Aber wie schnell ist der Sprachkurs nicht mehr "neu" und man sucht schon den nächsten und die nächste Hoffnung, dass er einen ans Ziel bringt. Oder wie schnell ist das Stifte-Set und die Staffelei in der Ecke, neben der Gitarre und dem Paintbrush-Set?

Wir erreichen das Ziel aber auch nicht mit dem nächsten Kauf. Wir stellen uns nur wieder an die Startlinien. Kaufen uns das nächste paar Turnschuhe mit der Runtastic-App für Motivation und formulieren unsere Neujahrsvorsätze. Schreiben uns bei Weight-Watchers ein und kauen Diät-Kochbücher.

Und wieder stehen wir an der Startlinie. Die wir nur für ein paar Tage, einen kurzen Sprint verlassen und dann am Alltag zerschellen. Das wenige Leben, das uns die Arbeitswoche übrig lässt, genügt um neue Vorsätze zu schließen und Symbole zu kaufen, die uns kurz befriedigen - uns sagen: Das Ziel ist erreichbar.

Der grundlegende Gedanke ist: Wir schaffen eine persönliche Entwicklung nicht alleine.
Wir können nicht anfangen Bücher über Tiere und ihre Anatomie zu lesen, dann auf einem Tierbauernhof zu helfen und immer tiefer einsinken. Wir sollen: Abitur, Studium, blablabla

Ich sehe mittlerweile, wie meine Kinder ihr Spielzeug selbst herstellen, wie sie ihre Brettspiele selber aus Papier ausschneiden. Würfel dazu basteln.

Und dann fängt man an die Welt anders zu sehen: Man geht auf Youtube und lernt Singen bei Kursen und singt selber - anstatt sich irgendwelche Lieder zu kaufen. Und man merkt: Eine gesummte falsche Tonleiter fühlt sich sehr schön an. Man benötigt gar nicht das neueste Lied vom größten Sängertrio um Musik zu genießen.

Man geht auf Youtube und dann kauft man sich einen Elektromotor, den man an einem Dreirad fest bindet und schon hat man sein kleines Elektroauto gebaut.

Was kommt als nächstes? Wir können so vieles selber machen. Natürlich bauen wir nicht am ersten Tag einen Lamborghini, wir singen nicht am ersten Tag eine Coloratur. Aber wir fangen am ersten Tag an zu wachsen und müssen uns nur so lange wie möglich fernhalten Dinge zu kaufen. Bücher, Kurse, Workshops, Software. Das nötigste um zu beginnen finden wir im Internet umsonst, oder zur Not in Büchereien. Oder wir setzen uns wirklich in die Buchhandlung und lesen dort.

Aber wir kaufen nichts - bis wir sicher sind, dass wir schon "machen". Dass wir schon rennen. Wenn wir die ersten Turnschuhe erstehen, dann sind wir schon so weit von der Startlinie, dass wir uns gar nicht mehr dran erinnern.

Dienstag, 25. November 2014

Deschooling und Skill-Training

Mittlerweile kenne ich immer mehr Kinder und Erwachsene, die ihr Deschooling anscheinend ewig fortsetzen würden.
Mein heftigster "Fall" ist ein nun schon 20 jähriger Junge, der irgendwann anfing die Schule zu verweigern (ohne den Begriff Unschooling, Deschooling, etc. aber). Er las einen Schundroman nach dem anderen und las und las. Und spielte Computer und spielte Computer. Irgendwann hatte er dann alle Drachenreiter 30 Mal durch und schrieb immer noch kein Wort und beim Computerspielen war er sogar in den Top 0,5 % von irgendeinem Online-Spiel und verkaufte "Leveling-Ups". Das ganze hatte ein Problem, Leveling-Ups machten nicht reich. Sie blieben immer im Taschengeldbereich eines 14-jährigen. Und auf der anderen Seite dauert es ewig und vereinsamt immer mehr.
Auch Romane lesen führt auf Dauer anscheinend zu nichts. Siehe das Interview mit John Taylor Gatto, das ich auf dieser Seite analysiere.

Ein anderer Fall ist ein ca. 13-jähriges Mädchen aus Frankreich, deren Mutter ich auf der letzten Celebrate Unschooling kennen lernen durfte. Sie war schon ewig aus der Schule und nichts lief, außer die üblichen "Deschooling"-Sachen. Die Mutter war sehr engagiert im franz. Unschooling und ief, ging auf viele dieser Treffen und war sehr belesen - auch von dem was sie erzählte war klar, dass sie den Unschooling und Deschooling Gedanken gut verstanden hatte. Jedoch zeigte die Tochter nach *Jahren* keinerlei Anstalten den Weg des Deschooling zu verlassen und die Mutter war mittlerweile verzweifelt.

Ein anderes Beispiel ist aus einer Radioshow (auf Youtube unter "The dangers of Unschooling" zu finden), in dem eine Tochter mit ca. 10 Jahren aus der Schule befreit wird. Nach knapp 3 oder 4 Jahren des Deschooling ist der Vater verzweifelt. Aber auch die Tochter. Ihre Interessen, ihr Kontakt zu Freunden haben sich drastisch verringert und sind auf Null zurückgegangen.

Eine andere Mutter, die sich sehr mit dem Thema Unschooling beschäftigt hat auch ihre ältere Tochter aus der Schule freigelassen. Erst eine freie Schule, die war aber dennoch immer noch zu restriktive und dann die echte Freiheit. Sie sagte (fast) wörtlich: "Ich halte Deschooling für einen destruktiven Prozess - es zerstört die wenigen Sachen, die noch da sind und setzt an ihre Stelle nichts. Wenn sie das Gefühl haben nichts zu können, was soll denn dann auch kommen."

Und zuletzt kenne ich noch meine Tochter, sie war noch nie in der Schule! Und dennoch: Spielen und Süßigkeiten sind ihre Leidenschaften. Ich wünschte es wäre anders, ich wünschte sie würde von alleine durch die Decke starten, ich wünschte ich würde in allen Kindern dieses "irgendwann geht es los" entdecken. Aber ich sehe, dass -ohne Anleitung- Menschen zurück zum "Median" fallen. Meiner Meinung nach sind das mittelalterliche handwerkliche Fähigkeiten. Natürlich ist das irgendwie cool, wenn die Kinder dann Nähen, Stricken, Instrumente bauen (so wie André Stern) oder schmieden (so wie Devin Martin). Und dazwischen spielen sie Playstation 3 und wir alle hoffen, dass es cool und hip bleibt selbst-fabrizierte Produkte in einem Etsy-Shop zu verkaufen.

Auf der anderen Seite sehe ich, dass eine halbe Stunde am Tag Skill-Training so viel bringt und so viele neue Interessen und Neugier sich daraus entwickeln können. Es hilft den Menschen die Welt außerhalb der Schule zu entdecken.